Mit der Schöpfung entstanden auch Raum und Zeit. Nichts in ihr ist raum- und zeitlos. Unter Betrachtung aus anderem Blickwinkel ist Zeit etwas ganz anderes, als wir gewöhnlich denken. „Die Zeit vergeht.“ „Die Zeiten ändern sich.“ „Wo ist nur die Zeit geblieben?“ Wir verwenden solche Sätze ganz selbstverständlich. Dabei gehen wir davon aus, dass wir stillstehen und die Zeit an uns vorüberzieht. Aber was wäre, wenn es genau umgekehrt ist? Was ist, wenn die Zeit stillsteht – und wir diejenigen sind, die uns durch sie bewegen?
Wenn wir davon ausgehen, dass die Schöpfung ein entstandenes Werk ist, dann gehören auch Raum und Zeit zu diesem Werk. Gott selbst steht nach dieser Betrachtung außerhalb dieses Begriffes. Er ist ewig, ohne Anfang und ohne Ende. Für den menschlichen Verstand ist eine solche Ewigkeit kaum vorstellbar. Die Schöpfung dagegen hat einen Anfang. Dieser Beginn wird mit den Worten beschrieben: „Es werde Licht.“
Mit der Schöpfung entstanden verschiedene Ebenen – vom Geistigen bis hin zur grobstofflichen Welt, in der wir heute auf der Erde leben. Dabei verändert sich auch unser Erleben von Raum und Zeit. Je dichter eine Ebene ist, desto mehr sind Raum und Zeit voneinander getrennt und desto langsamer erfolgt das Erleben. In der grobstofflichen Welt brauchen wir deshalb vergleichsweise lange, um Eindrücke aufzunehmen, zu verarbeiten und bewusst zu erleben.
Dass Zeit nicht einfach eine überall gleich ablaufende Größe ist, kennen wir sogar aus der Physik. Albert Einsteins Relativitätstheorie zeigt, dass Zeit, Raum und Bewegung nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können. Es braucht immer einen Bezugspunkt.
Ein einfaches Beispiel: Wir sitzen in einem Zug, der mit gleichbleibender Geschwindigkeit fährt. Auf dem Nachbargleis fährt ein zweiter Zug. Fährt er genau gleich schnell, kann es aussehen, als würden beide Züge stillstehen. Fährt der andere langsamer, haben wir plötzlich das Gefühl, selbst schneller zu werden. Überholt er uns, scheint der eigene Zug langsamer zu fahren. Die tatsächliche Geschwindigkeit hat sich dabei überhaupt nicht verändert. Verändert hat sich unser Bezugspunkt.
Dieses Phänomen haben wir schon erlebt. Eine langweilige Unterweisung kann sich endlos hinziehen. Ein spannender Nachmittag mit Freunden geht rasch vorbei. Auch mit zunehmendem Alter berichten viele (alle?) Menschen davon, dass Jahre immer schneller zu vergehen scheinen. Ein Sommer beginnt – und plötzlich ist schon wieder Weihnachten. Besonders deutlich wird das Phänomen im Traum. Manchmal erleben wir dort eine lange Geschichte mit vielen Ereignissen, obwohl in der äußeren Welt nur wenige Minuten vergangen sind. Das zeigt zumindest eines sehr anschaulich:
Erlebte Zeit und gemessene Zeit sind nicht dasselbe. Unsere Uhr misst Stunden, Minuten und Sekunden. Sie sagt aber nichts darüber aus, wie viel wir innerhalb dieser Zeit erleben.
Menschen besitzen zudem eine biologische innere Uhr. Auch in der Tierwelt finden wir erstaunliche Beispiele dafür. Zugvögel wissen, wann die Zeit zum Aufbruch gekommen ist. Bestimmte biologische Rhythmen steuern Wanderung, Fortpflanzung, Schlaf und viele andere Vorgänge. Doch über diese biologische Uhr hinaus können wir noch eine andere Form des Zeitempfindens beobachten: unsere innere Erlebniszeit. Wenn wir aufmerksam, geistig wach und voller Eindrücke sind, kann innerhalb kurzer äußerer Zeit sehr viel geschehen. Damit kommen wir zu einer völlig anderen Betrachtung der Zeit.
Abdruschin formuliert in seiner Gralsbotschaft – Im Lichte der Wahrheit, Kapitel "Erwachet!" einen bemerkenswerten Gedanken: Die Zeit steht still. Wir aber eilen ihr entgegen. Das verändert das gewohnte Bild vollständig. Nicht wir stehen am Bahnhof, während der Zug der Zeit an uns vorbeifährt. Wir sitzen im Zug. Wir bewegen uns. Die Landschaft, die wir sehen, verändert sich. Unser Körper verändert sich. Unsere Umgebung verändert sich. Ganze Kulturen entstehen und verschwinden. Doch deshalb muss sich nicht die Zeit selbst verändern. Die Formen verändern sich in der Zeit.
Nach der geistigen Betrachtung, die diesem Artikel zugrunde liegt, durchzieht eine Kraft die gesamte Schöpfung. Sie geht vom Licht aus und wirkt durch alle Ebenen hindurch. Man könnte sich die dafür vorhandenen Bahnen vereinfacht wie ein riesiges Netz von Nervensträngen vorstellen, das die Schöpfung durchzieht. Je näher eine Ebene dem geistigen Ursprung ist, desto unmittelbarer und umfassender kann erlebt werden. Je dichter die Ebene wird, desto stärker verengt sich auch die Wahrnehmung.
Der menschliche Geist erlebt deshalb auf der Erde nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was tatsächlich geschieht. Das irdische Gehirn braucht Zeit zum Aufnehmen und Verarbeiten. Der Geist selbst besitzt nach dieser Vorstellung jedoch eine wesentlich größere Erlebnisfähigkeit. Das könnte erklären, weshalb Zeit in unterschiedlichen Zuständen so verschieden empfunden wird.
Hier kommt meine persönliche Beobachtung hinzu. Ich habe zunehmend den Eindruck, dass sich unser Zeitempfinden verändert. Auch andere Menschen beschreiben etwas Ähnliches: Eine heutige Stunde fühlt sich für sie eher so an, als entspräche sie nur 45 Minuten. Natürlich hat sich die Uhr nicht verändert. Eine Stunde besteht weiterhin aus 60 Minuten. Ich spreche deshalb ausdrücklich von einem subjektiven Erleben, nicht von einer physikalischen Verkürzung der Stunde.
Die Erklärung dafür ist geistiger Natur. Gegenwärtig kann eine verstärkte Lichtkraft wahrgenommen werden. Diese Kraft beschleunigt nicht die Uhr, sondern die Auslösung und das Erleben von Geschehnissen. Dinge kommen schneller in Bewegung. Entscheidungen zeigen schneller Folgen. Entwicklungen verdichten sich. Zusammenhänge werden sichtbarer. Täglich kommt Neues "ans Licht". Was wir ausgesät haben, kommt nach dem Gesetz der Wechselwirkung zu uns zurück. Mit zunehmender Lichtkraft kommen die Wechselwirkungen bei uns Menschen nun immer schneller zur Auslösung. Dadurch entsteht der Eindruck:
Alles beschleunigt sich.
Und zwar im Innen und im Aussen. Wenn wir den Geist öffnen, aufmerksam werden, uns innerlich bewegen, lernen, erkennen und bewusst erleben, nehmen wir innerhalb derselben äußeren Zeit wesentlich mehr wahr. Eine Stunde bleibt eine Stunde. Aber die Erlebnisdichte verändert sich. Das kennen wir bereits aus dem Traum: In wenigen Minuten können wir subjektiv eine erstaunliche Fülle von Geschehnissen erleben. Liegt darin ein Schlüssel zum Verständnis der Zeit?
Auf der Erde erleben wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sauber voneinander getrennt. Gestern ist vorbei. Heute erleben wir. Morgen kommt erst noch. Doch möglicherweise entsteht diese strenge Trennung vor allem durch unsere begrenzte irdische Wahrnehmung. Nach der hier beschriebenen geistigen Vorstellung geht nichts von dem verloren, was geschieht. Alles Erleben bleibt in der Schöpfung erhalten. Dann wäre die Zeit nicht ein Strom, der alles mit sich fortreißt. Sie wäre vielmehr etwas, durch das wir hindurchgehen und in dem unser Erleben seinen Platz findet.
Wenn sich heute Wechselwirkungen schneller auslösen und Entwicklungen verdichten, dann liegt darin nicht nur eine Herausforderung. Darin liegt auch eine große Chance. Denn dieselben Gesetzmäßigkeiten wirken ebenso beim Aufbau. Wenn wir im Einklang mit den universellen Gesetzen handeln, ein klares Ziel vor Augen haben und mit Freude, Zuversicht und innerer Überzeugung die richtigen Schritte gehen, werden auch die Früchte unseres Handelns schneller sichtbar werden.
Das gilt für unsere persönliche Entwicklung ebenso wie für ein Vorhaben, ein Unternehmen oder den Aufbau einer Gemeinschaft von Menschen, die sich für eine gute Sache zusammenfindet. Entscheidend ist, dass wir ins Handeln kommen. Frisch und zuversichtlich an die Arbeit gehen! Trägheit, Misstrauen, übermäßiges Abwägen und die ständigen Einwände des Verstandes halten uns zurück. Viel besser ist es, eine als richtig erkannte Sache beherzt zu ergreifen und konsequent voranzugehen.